Uli Borowka bewegt mit seinem "Doppelleben"

|   Kreis Borken

"Warum müssen bei den Jugendspielen am Sonntagmorgen die Väter mit der Flasche Bier am Spielfeldrand stehen?" – Unter anderem diese Frage stellte der frühere Bremer Bundesliga- und Nationalspieler Uli Borowka bei seinen beiden Lesungen, die jetzt im Rahmen der Aktionswoche "Sucht hat immer eine Geschichte" stattfanden. Gerade Erwachsenen komme doch im Vereinsleben eine wichtige Vorbildfunktion zu, um junge Menschen vor einem Einstieg in die Alkoholsucht zu bewahren. Als Erfolg wertete er es daher schon, wenn man sich nicht mehr dafür rechtfertigen müsse, dass man bei einer Feier keinen Alkohol trinken möchte. Die inhaltlich harte Auseinandersetzung mit dem Thema Sucht, die Uli Borowka dann führte, ließ die vielen Zuhörer erkennbar nachdenklich werden – das vor allem auch, weil vor und mit ihnen jemand sprach, der selbst 16 Jahre lang alkoholsüchtig und 14 Jahre medikamentenabhängig war, heute aber mit sich im Reinen ist.

Vormittags vor 120 Schülerinnen und Schülern des Driland-Kollegs und der Anne-Frank-Schule sowie abends im Lukas-Krankenhaus vor rund 60 interessierten Gästen gab der ehemalige Profikicker Einblick in seine Autobiografie "Volle Pulle – mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker". Das Buch stand lange in den Top 20 der Bestsellerliste des "Spiegel" – dies natürlich nicht ohne besonderen Grund: Borowka verarbeitete darin in schonungsloser Weise seine sportliche Karriere, seine Sucht und seinen erfolgreichen Weg aus der Abhängigkeit.

Beeindruckt folgten die Zuhörer den Ausführungen des prominenten Fußballkickers, der von 1981 bis 1996 in der Bundesliga zunächst für Borussia Mönchengladbach und dann für Werder Bremen spielte. Der Abwehrspieler galt seinerzeit als "harter Hund" und "Eisenfuß". Daher wurde er auch "Die Axt" genannt. Lange Zeit konnte er sein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker vor Fans und Öffentlichkeit verheimlichen. Erst vier Jahre nach seinem Abschied aus der Bundesliga gelang ihm im Jahr 2000 nach viermonatiger stationärer Therapie der Ausstieg aus der Sucht. Nach eigenem Bekunden habe er damals diese Chance zu einem neuen Leben genutzt. Seither ist er "trocken". 2011 entschloss er sich, seine bewegende Lebensgeschichte mit all ihren Höhen und Tiefen aufzuschreiben – das Buch erschien dann im Oktober 2012.

Heute engagiert sich Uli Borowka in einem von ihm gegründeten Verein für Suchtprävention und steht Fußballern mit Suchtproblemen als Berater zur Verfügung. In Talkshows sowie bei Lesungen und Diskussionen in Vereinen, Vollzugsanstalten, Kliniken und Unternehmen wirbt er für einen offenen Umgang mit Suchterkrankungen und einer anderen Sichtweise im täglichen Leben, vor allem im Vereinsleben. So war es auch in Gronau: Geduldig beantwortete er viele Fragen, die zum Teil sehr persönlicher Natur waren. Offen gestand er, in seiner schlimmsten Zeit "ein Kiste Bier, zwei Flaschen Wein oder auch drei oder vier" getrunken zu haben. Vor wichtigen Spielen waren es dann "nur zwei Bier", weil er "auf dem Platz natürlich Leistung bringen wollte". Große Betroffenheit herrschte im Auditorium, als er aus dem Kapitel seines Buches vorlas, in dem er über seinen geplanten Selbstmordversuch berichtet.

Uli Borowka warnte nicht nur vor den Suchtgefahren, sondern prangerte auch den Umgang mit Suchtkranken an. "Für viele bin ich ein Mensch zweiter Klasse, obwohl ich schon seit 18 Jahren trocken bin", sagte er und forderte: "Jeder hat eine zweite Chance verdient!

Zum Hintergrund:

Im Rahmen der Aktionswoche "Sucht hat immer eine Geschichte" in Gronau gibt es noch bis zum 16. November 2018 unterschiedlichste Angebote rund um das Thema Sucht. Zusammen mit zahlreichen Kooperationspartnern aus Schule, Kirche, Sport, Jugendarbeit, Selbsthilfe, Kommune und Gesundheitswesen hat das verantwortliche Orga-Team von Kreis Borken, Stadt Gronau, Diakonie Suchthilfezentrum Gronau und Evangelisches Lukas-Krankenhaus Gronau mehr als 50 Veranstaltungen vorbereitet. Thematisch reicht die Bandbreite von A wie Alkohol bis zu Z wie Zigaretten. Auch altersmäßig ist der Bogen weit gespannt - für jede Zielgruppe ist etwas dabei.

« Zurück zur Übersicht
Ein Angebot von