Referat übers Westmünsterland im kult

|   Vreden

Unmittelbar nach Ende des 1. Weltkrieges, also vor etwas mehr als 100 Jahren, kam es auch im Westmünsterland zu politischen Umwälzungen, die allerdings nicht solch revolutionäre Züge annahmen wie etwa im Ruhrgebiet. Das wurde in dem Vortrag "Das westliche Münsterland 1918/19" deutlich, den jetzt Professor Dr. Wilfried Reininghaus im kult Westmünsterland in Vreden gehalten hat. Zahlreiche historisch Interessierte aus dem ganzen Kreisgebiet nahmen an der Veranstaltung teil, um zu erfahren, wie sich das Kriegsende, der Sturz der Monarchie und die Gründung der ersten deutschen Republik im deutsch-niederländischen Grenzraum ausgewirkt hatten.

Referent Reininghaus, ein durch eigene Forschungen ausgewiesener Kenner des Themas, machte in seinem Vortrag deutlich, dass es im Westmünsterland zwar keine meuternden Matrosen gab. Dennoch war auch hier die Lage zeitweise sehr angespannt: Noch bevor am folgenden Tag in Berlin die Republik ausgerufen wurde, bildete sich am 8. November 1918 in Gronau ein Arbeiter- und Soldatenrat, in den nächsten Tagen auch in den anderen Orten. Der Bocholter Arbeiter- und Soldatenrat berief sich dazu auf den Rat der Volksbeauftragten – damit wurde die Rolle der aus dem Geschichtsunterricht bekannten deutschen Übergangsregierung in Berlin auch für die Provinz deutlich. Die meisten Arbeiter- und Soldatenräte im Westmünsterland waren jedoch keineswegs linksradikal. Wegen der starken Beteiligung der christlichen Gesellschaften wirkten sie eher mäßigend. Zur Sicherstellung der Ernährung wurden außerdem Bauernräte gebildet, eine Besonderheit dieser Gegend. Die meisten Räte lösten sich 1919 wieder auf, allerdings ging in Vardingholt aus dem Bauernrat der heutige Landwirtschaftliche Ortsverein hervor. Um die befürchtete Plünderung der Landwirtschaft im Westmünsterland durch "förmliche Räuberbanden mit Lastautos" aus dem Ruhrgebiet zu verhindern, wurden seit der Jahreswende 1918/19 sogar Bürger- und Bauernwehren aufgestellt.

Die Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte waren Übergangseinrichtungen. An ihre Stelle sollten durch Wahlen legimitierte Gremien treten. Bei den Wahlen zur Nationalversammlung und der preußischen Landesversammlung errang die katholische Zentrumspartei fast überall die meisten Stimmen, in Westenborken sogar 100 Prozent. Die SPD war vor allem in Gronau und Bocholt stärker vertreten, die nationalistische DNVP in den überwiegend evangelisch geprägten Gemeinden Suderwick und Werth. Differenzierter war das Bild bei den Kommunalwahlen 1919. In Vreden hatte man sich im Vorfeld auf eine alle Konfessionen und Berufsstände berücksichtigende Einheitsliste geeinigt; für ihre Wahl reichte eine Wahlbeteiligung von 0,05 Prozent aus, ein Negativrekord. Anderswo standen sich dagegen konkurrierende Listen der Großbauern und der Pächter gegenüber, und während die einen gerne am Dreiklassenwahlrecht festgehalten hätten, begrüßten andere die Demokratie, in der jede Stimme gleich zählt. Frauen spielten bei diesen ersten Wahlen übrigens kaum eine Rolle: Nur die Gronauer Lehrerin Maria Keuper zog für das Zentrum in den Stadtrat ein.

Im Anschluss an seinen Vortrag stand Professor Reininghaus für Fragen zur Verfügung und es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion darüber, wie die Menschen in der Region sich damals auf den Weg in eine so ganz anders als vorher geartete Zukunft machten. Mehr über diese Zeit ist demnächst in der Sonderausstellung "Im Westen was Neues. Fußball – Charleston – Bubikopf" zu erfahren, die ab dem 21. November 2019 im kult zu sehen sein wird.

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