Pflegeväter auf Paddeltour

|   Kreis Borken

Jürgen M. blickt nochmals zurück zum Bootssteg und atmet tief durch: „Das war ein sehr entspannter Tag, den man als Familie zwischendurch gut gebrauchen kann. Eine tolle Idee.“ Eine ausgiebige Kanu-Tour liegt hinter Jürgen M. und seinem 7-jährigen Kind Hannes. Hannes ist ein Pflegekind, das seit knapp zwei Jahren in Jürgens Familie lebt. Die Wangen des Erstklässlers glühen: „Ich möchte morgen noch mal paddeln!“ Das können die Pädagogen der Evangelischen Jugendhilfe Münsterland, die rund 40 Pflegeväter und -kinder zum Paddeltag eingeladen haben, zwar nicht bieten, aber ähnliche Angebote folgen bestimmt.

Das bestätigt Christian Bäumer vom KompetenzZentrum Pflegefamilie (KoPf) der Evangelischen Jugendhilfe: „Unsere Arbeit ist mit der Eingliederung eines Kindes in seine Pflegefamilie nicht beendet. Im Gegenteil: das Abenteuer geht dann ja erst richtig los. Wir stehen den Pflegeeltern weiterhin eng zur Seite. Und das auch mit solchen Unternehmungen, bei denen man mal abschalten kann und gleichzeitig andere Pflegefamilien trifft.“ KoPf ist an den drei Standorten Steinfurt, Hörstel und Gescher vertreten und bietet hier regelmäßig Info-Abende an. Bevor Hannes bei Familie F., die schon eine jetzt 12-jährige Tochter hat, einziehen konnte, wurde die gesamte Familie über Monate durch das Team der Evangelischen Jugendhilfe Münsterland auf ihre Aufgabe vorbereitet.

„Ein Pflegekind bringt gerade zu Anfang noch mal mehr Themen mit als ein leibliches Kind“, erzählt Jürgen M., “den ein oder anderen Ratschlag hätten wir auch schon gut beim ersten Kind gebrauchen können“. Jürgens Tochter Melina, die bei der Bootsfahrt kräftig mitgepaddelt hat, lacht. „Tatsächlich ist das Leben mit einem Pflegekind aber nach einer Weile gar nicht so anders, wie mit eigenen Kindern. Man hat dieselben schönen und weniger schönen Tage, wie in jeder anderen Familie“, fährt der Pflegevater fort. Warum entscheidet man sich bewusst für ein Pflegekind und nicht für ein weiteres leibliches? „Wir wollten gerne einem jungen Menschen, der einen weniger guten Start ins Leben hatte, eine neue Chance geben“, klärt Jürgen M., „wichtig war uns dabei, dass alle aus der Familie, auch unsere Tochter, dahinter stehen.“ Und die ist besonders begeistert davon, einen Bruder zu haben, für den sie jetzt die große Schwester sein kann.
„Ich kann jeder Familie nur empfehlen, mal darüber nachzudenken, ein Kind für eine Zeit bei sich aufzunehmen. Man bekommt so viel von den Kindern zurück“, schwärmt Jürgen M., „einige Bekannte konnten wir schon davon überzeugen, sich ganz unverbindlich bei der Evangelischen Jugendhilfe zu informieren.“

Christian Bäumer und seine Kolleg*innen freuen sich über jeden Anruf: „Es werden immer dringend Familien gesucht. Trotzdem gehen wir das Thema ganz in Ruhe an, von der Idee bis zur Entscheidung braucht es Zeit.“ Dabei spielen Alter, Herkunft, Beruf und Religion der Bewerber*innen keine Rolle. Auch allein stehende Personen können ein Kind bei sich aufnehmen. Denn: Jeder Mensch kann Familie sein. Am Dienstag, den 28.09., wird in Stadtlohn ein Informationsabend angeboten, der alle möglichen Modelle - Pflegefamilie, Gastfamilie, Bereitschaftspflegefamilie - erklärt. Die Veranstaltung findet in der Klosterstraße 7 statt und beginnt um 19.30 Uhr. Weitere Informationen erhalten gibt es unter www.jederkannfamiliesein.de

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