„Pandemie hat die Schwachstellen auf den Punkt gebracht“

|   Ahaus

„Corona und die Folgen“, unter diesem Schlagwort beleuchtet der Caritasverband Ahaus-Vreden die Auswirkungen der Pandemie auf seine Arbeit. Im fünften und letzten Teil erklärt Hans-Peter Merzbach, Vorsitzender des Vorstandes, was sich im System der Pflege und der Sozialen Dienste ändern muss.

Noch sind wir mittendrin im Geschehen der Corona-Pandemie. Doch wie wird sich diese Krise mittel- und langfristig auf die Arbeit des Caritasverbandes Ahaus-Vreden auswirken? „Das kann man derzeit noch gar nicht ausreichend einschätzen“, beantwortet Hans-Peter Merzbach, Vorsitzender des Vorstandes, diese Frage. Allerdings lasse sich die Antwort aus mehreren Perspektiven heraus skizzieren.

Eine wesentliche Frage werde zum Beispiel sein, wie solidarisch sich die Gesellschaft mit den Pflegerinnen und Pflegern in der Alten- und Krankenpflege oder mit den Mitarbeitern in der Behindertenhilfe und den anderen Sozialberufen zeige. „Die Mitarbeiter erbringen eine hoch solidarische Leistung gegenüber der Gesellschaft, das muss sich vor allem in den Rahmenbedingungen für diese Arbeit widerspiegeln“, sagt Hans-Peter Merzbach.

Verschärfung der Situation auf dem Arbeitsmarkt

Werde dies nicht geschehen, „dann werden sich in Zukunft kaum noch genügend Menschen bereit erklären, diesen Beruf zu ergreifen.“ Dabei gehe es nicht lediglich um Fragen von Gehaltsstrukturen, sondern insbesondere auch um Stellenschlüssel und zur Verfügung stehende Zeit für Klienten und Bewohner. Dieses sei als Zeichen der Wertschätzung gegenüber den Berufen im Sozialwesen und der Pflege unverzichtbar. „Die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist bereits jetzt eng und droht, sich eklatant weiter zu verschärfen.“ Hinzu kommt, dass die Kosten der Pandemie refinanziert werden müssen. „Es ist zu befürchten, dass vor allem im Sozialbereich und bei den freiwilligen Leistungen zuerst gespart wird, wenn die Pandemie einmal überstanden ist“, erklärt der Caritas-Verantwortliche. Damit wäre eine Einschränkung der Angebote des Caritasverbandes zu Lasten der Menschen verbunden, die eine gesellschaftliche Unterstützung brauchen. Dass diese Befürchtung nicht grundlos ist, zeigt sich an den bereits umgesetzten Kürzungen in der Flüchtlingshilfe.

Die Pandemie habe die Schwachstellen im System der Pflege und der Sozialen Dienste wie ein Brennglas nochmals deutlich auf den Punkt gebracht. „Das System benötigt bessere Personalschlüssel. Unabhängig davon müssen sich auch Menschen finden, die bereit sind, eine solche Aufgabe zukünftig zu übernehmen. Das wird nur gelingen, wenn die Rahmenbedingungen hierfür stimmen.“ Hans-Peter Merzbach hofft auf einen gesellschaftlichen Diskurs zu der Frage: Wie will eine Gesellschaft, dass wir mit den Schwachen in der Gesellschaft, die nicht für sich selber eintreten können, umgehen? „Hier braucht es einen Willensbildungsprozess und keinen Verdrängungswettbewerb, nach dem sehr rheinischen Motto: „Et hätt noch immer jot jejange.“

Mitarbeiter vielfach am Limit

Hans-Peter Merzbach sieht konkrete Verbesserungsmöglichkeiten vor allem bei den Testungen von Besuchern der Seniorenheime. „Diese Schnelltests und weitere zusätzliche Aufgaben sind mit dem vorhandenen Personal nicht mehr zu leisten.“ Diese Mehrarbeit falle nicht nur über die Weihnachtstage an, sondern auch darüber hinaus. „Zusätzlich sind ja auch unsere Mitarbeiter und Bewohner in unseren Einrichtungen weiter zu testen, zumal dieses unverzichtbar ist. Die Belastungsgrenzen wurden einseitig per Verordnungen auf die Einrichtungen und die dort Tätigen übertragen, obwohl diese vielfach schon am Limit gearbeitet haben.“ Hans-Peter Merzbach bedauert, dass es nicht gelungen sei, bundesweit die Einrichtungen der Alten- und Behindertenhilfe so schützen, wie es wünschenswert und notwendig gewesen wäre. „Das zeigen die Fallzahlen und Sterberaten. Hier hätten viel früher Teststrategien und Personalverstärkungen umgesetzt werden müssen, die es aber auf dem freien Markt derzeit gar nicht gibt.“

Wunsch nach Dialog auf Augenhöhe

Für eine Bewertung der Corona-Krise sei es noch zu früh, antwortet Hans-Peter Merzbach auf die Frage, was der Caritasverband aus den vergangenen Monaten gelernt habe. „Derzeit muss noch der Krisenalltag bewerkstelligt werden.“ Gleichwohl sei Mitarbeitern, Bewohnern und Klienten eines sehr bewusst geworden: wie wichtig die „normalen“ Dinge des Lebens sind. „Und wie sehr wir Menschen auf soziale Kontakte und Begegnungen angewiesen sind.“

Zum Schluss rät der Vorsitzende des Vorstandes des Caritasverbandes allen Politikern, auch auf diejenigen zu hören, die zum Beispiel Verordnungen in der Praxis umsetzen und den Alltag gestalten müssen. „Statt ständig kurzfristig neue Verordnungen aufzulegen, würde ich mir einen stärkeren Dialog auf Augenhöhe wünschen und die Kenntnis der Erfahrungen aus der Praxis.“ Der bestmögliche Schutz von Bewohnern und Mitarbeitern in Einrichtungen der Altenhilfe bei nicht ausreichenden Personalressourcen sei nur im Dialog zu klären. „Nicht mit Verordnungen am 21. Dezember, die einen Tag später umgesetzt werden müssen.“

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