Im Interview: Mikà Heming vor seiner zweiten Saison als Pushbiker

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Mikà Heming hat zuletzt Ausrufungszeichen in der Radsportszene bei den Herren gesetzt. Der 20-Jährige geht ins zweite Jahr beim KT-Team Maloja Pushbikers. Neben einem Rückblick auf eine erste schwierige Saison wirft der Stadtlohner im Exklusiv-Interview mit der Wochenpost auch einen Blick auf die kommenden Saison.

Hallo Mikà, nach einem schwierigen Jahr geht es ins zweite Jahr mit den Maloja Pushbikers. Wie sehr hat Sie die Vertragsverlängerung gefreut?
Mikà Heming: Mich persönlich hat die Vertragsverlängerung sehr gefreut, da ich nun hoffentlich noch eine zweite Chance habe, wenn Corona es zulässt. Es gab auch andere Anfragen, aber ich fühle mich zu wohl bei den Pushbikern.

Nach dem tollen Erfolg bei der Deutschland Tour 2019 haben Sie im Jahr 2020 den nächsten Schritt gemacht. Der richtige im Rückblick?
Mikà Heming: Ja, es war auf jeden Fall der richtige Schritt, da ich mich trotz Corona weiterentwickelt habe und meine Leistung auch bei Rennen zeigen konnte.

Die Pushbikers gelten als das etwas andere Team. Was macht dieses Team so speziell?
Mikà Heming: Es ging bisher weniger um die Leistung, mehr darum, den Lifestyle Radsport zu leben und den Radsport als Kanal der Verbindung zwischen Menschen aus allen Schichten zu erkennen. Es wird viel Wert auf den Teamgeist gelegt, was uns als Team strapazierfähiger macht.

Neben dem besonderen Spirit legt man großen Wert auf die Übernahme von (sozialer) Verantwortung.
Mikà Heming: Ja, das stimmt sehr. Uns Fahrern werden viele Aufgaben aufgetragen. Dazu zählen Social Media-Beiträge für Sponsoren, die Teilnahme an Events, die Unterstützung von Projekten. Zusätzlich durften wir auch im teameigenen Pushbikershop in Holzkirchen mitarbeiten.

Zurück zur Vorsaison: Wie hart hat Sie und das Team der erste Lockdown nach der Saisonvorbereitung getroffen?
Mikà Heming: Natürlich sehr hart. Wir hatten einen guten Saisonstart auf Rhodos in Griechenland und waren als Mannschaft super motiviert. Mir kam die Pause eher zugute, da ich auf Rhodos noch nicht so fit war und ich dort auch in einer Abfahrt zu Fall gekommen war, was dementsprechend auch erst einmal Ruhe bedeutete.

Wie geht ein ambitionierter Radsportler mit der Situation um, dass Ziele und Perspektiven immer wieder und vor allem kurzfristig wegbrechen?
Mikà Heming: Es ist schwer, vor allem wenn man hart dafür gearbeitet und sich Ziele vorgenommen hat, die dann wegen Verschiebungen oder Absagen nicht umsetzbar waren. Man muss trotz allem positiv bleiben. Aufgeben war keine Option. Man kann sich auch neue Ziele setzen, die vielleicht weniger mit dem Erfolg zu tun haben, sondern mit der Begeisterung oder mit dem Spaß an der Sache.

Wie hält man die Spannung, da es ja jederzeit wieder in den Wettkampfmodus übergehen konnte?
Mikà Heming: Ich konnte sie ehrlicherweise nicht halten. Es war einfacher, die Spannung rauszunehmen und sich keinen Druck zu machen, da man die Situation ja nicht selbst in der Hand hatte. Dementsprechend war es vor den ersten Rennen schon schwierig, diese Spannung wieder aufzubauen. Es war aber nötig.

In der zweiten Saisonhälfte sollte sich zeigen, dass sich Geduld auszahlt. Es gab sogar Erfolge zu feiern…
Mikà Heming:  Es lief, obwohl ich nicht im Geringsten damit gerechnet habe. In Österreich war das Rennen in fünf Runden aufgeteilt und ich war mir sicher, früh nicht mehr dabei zu sein. Zum Schluss fähig für den Sieg zu sein, damit hätte ich auf keinen Fall gerechnet. Genauso wenig wie in Banja Luka. Auf der ersten Etappe stürzte ich schwer und kam alleine an letzter Position ins Ziel. Die restlichen Tage verbrachte ich dann in den Fluchtgruppen, hatte zweimal die Chance, Rennen solo für mich zu entscheiden und gewann schlussendlich die Bergwertung.

Erfahrungen konnten dann zudem noch in Tschechien und Italien gesammelt werden…
Mikà Heming: Tschechien brachte mit der „Czech Cycling Tour“ ein großes Rennen mit guten Mannschaften, bei dem ich eine solide und konstante Leistung zeigen konnte. Kennengelernt habe ich dort meine Freundin. Das Jahr hat also auch gute Sachen gebracht… In der Lombardei konnten wir dann auch viele Erfahrungen sammeln, jedoch viele negative, es gab einige Stürze. Aber das ist halt Radsport.

Nun bereiten Sie sich daheim auf die neue Saison vor. Wie sieht der Zeitplan aus?
Mikà Heming: Der Zeitplan sollte eigentlich so aussehen, dass wir am 10. Februar nach Calpe ins Trainingslager nach Spanien fliegen, was aber abgesagt wurde, da das Hotel am 8. Februar aufgrund von Corona schließen muss. Nun sieht der Plan die Reise nach Kroatien Ende Februar vor. Ob diese für uns stattfindet, steht noch in den Sternen...

Wie groß ist die Hoffnung, dass die anstehende Saison von Beginn an mehr Wettbewerbe möglich machen wird?
Mikà Heming: Nicht sehr groß, viele Rennen wurden bereits abgesagt. Zuletzt die Valencia-Rundfahrt Anfang Februar, die vier Tage vor Beginn gecancelt wurde.

Kennen Sie die neuen Teammitglieder bereits?
Mikà Heming: Wir haben uns über Google Meets kennengelernt und die neuen Teamkollegen sind durch die Reihe sehr sympathisch, nett und vollkommen motiviert!

Welche sind die wesentlichen Ziele, die Sie sich mit dem Team gesteckt haben?
Mikà Heming: Jedes einzelne Rennen wird für mich zu einem persönlichen Höhepunkt werden, da man auf nichts setzen kann und mit jedem möglichen Rennen zufrieden sein sollte.

Bald geht es zurück in die Team-WG nach Bayern. Sicherlich auch für den persönlichen Reifeprozess eine wichtige Erfahrung...
Mikà Heming: Auf jeden Fall. Ich habe schon ein halbes Jahr dort hinter mir. Es hat mir persönlich sehr gutgetan, zu wissen, was man will - und dass man auch gut für sich selber sorgen kann. Außerdem wird es dieses Jahr spannend, zusammen mit einem Engländer und einem Polen auch unterschiedliche Kulturen kennenzulernen.

Zum Schluss: Sie setzen bekanntlich auf zwei Standbeine. Wie lassen sich ambitionierter Radsport und ein Fernstudium im Mediendesign vereinen? Schon mal daran gedacht, alles auf die Karte Radsport zu setzen?
Mikà Heming: Gedacht schon, ich habe aber gemerkt, dass es mehr als nur Radsport braucht. So lästig Uni oder Schule auch sein können, so gut ist es beispielsweise, am Montag beim Studium auf andere Gedanken zu kommen, wenn man am Sonntag beim Rennen nicht so gut abliefern konnte. Außerdem sollte man immer einen Plan B haben, was Corona mir umso mehr noch einmal gezeigt hat.

• Zur Person: Mikà Heming (20) aus Stadtlohn fuhr im Jugend- und Juniorenbereich erfolgreich für den RC Bocholt 1977 und für das Rose Team NRW; bei der Elite ging es 2019 zum Team Dauner-Akkon-Cycling; dort fuhr er während der Deutschland Tour 2019 in das Blickfeld eines Millionenpublikums, als er lange eine Ausreißergruppe mit Mads Pedersen und Julian Alaphilippe, den Weltmeistern auf der Straße 2019 und 2020, bildete; 2020 folgte der Wechsel zu den Maloja Pushbikers, einem Team mit Kontinental-Lizenz, der (oft semiprofessionellen) Kategorie hinter den WorldTour-Teams.

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