Hilfe nach dem Prinzip „Fördern und Fordern“

|   Kreis Borken

Das Jobcenter ist für viele Menschen mit eher negativen Eindrücken und vielleicht auch Vorurteilen verbunden – Bürokratie, Sanktionen, Mitarbeiter ohne Verständnis. Aber ist das wirklich so? Was genau machen eigentlich die Fachkräfte, die im Jobcenter arbeiten? Im Interview berichten Nancy Kamarieh und Catharin Leibnitz, Fallmanagerinnen im Jobcenter der Stadt Bocholt, über ihren Arbeitsalltag im Jobcenter.

Wie lange sind Sie schon im Jobcenter tätig und welche Aufgaben haben Sie dort?
C. Leibnitz: Ich arbeite seit etwas über fünf Jahren hier als Fallmanagerin. Das heißt, dass ich im Jobcenter für die Integration in Arbeit zuständig bin. Wobei das auf verschiedensten Wegen geschieht und oft auch noch andere Dinge Priorität haben.

Was genau meinen Sie damit?
C. Leibnitz: Naja, Fallmanagement bedeutet, dass wir, wenn es im Leben der Menschen, die wir betreuen, noch Probleme gibt, versuchen, sie mit ihnen zu bewältigen. Wir bemühen uns, ein Netzwerk zu schaffen und Kontakte herzustellen, die den Menschen in ihrer Lage helfen können und begleiten den Prozess. Manchmal steckt eine Trennung dahinter, manchmal sind es psychische Probleme oder eine Abhängigkeit. Aber auch vermeintlich banale Dinge wie ungeklärte Kinderbetreuung können durchaus ein Hindernis darstellen, Arbeit aufzunehmen.

Welche Lebensbiografien und Unterstützungsbedarfe begegnen Ihnen bei Ihrer täglichen Arbeit?
N. Kamarieh: Alles – vom Universitätsabsolventen bis hin zu Menschen, die über 50 sind und noch nie in ihrem Leben gearbeitet haben, aus den unterschiedlichsten Gründen.

Wie finden Sie heraus, welche Unterstützungsbedarfe eine Person hat?
N. Kamarieh: Das geschieht immer im persönlichen Gespräch. Ich möchte ja herausfinden, wohin die Menschen wollen, die in meine Beratung kommen. Wir erstellen gemeinsam Pläne und erarbeiten Strategien, um diese umzusetzen. Dabei ist es natürlich wichtig, realistisch zu bleiben. Auch bei den Unterstützungsmöglichkeiten, zum Beispiel Nachhilfe während einer Ausbildung oder Hilfe bei Bewerbungen, sind wir mit im Boot.

Können solche komplexen Unterstützungsbedarfe alleine gelöst werden oder welche Akteure sind hier regelmäßig mit beteiligt?
C. Leibnitz: Nein, dafür habe ich ein Netzwerk an Unterstützern. Es gibt da beispielsweise den Sozialpsychiatrischen Dienst des Kreises Borken, der Menschen in schwierigen Situationen hilft. Wir arbeiten aber auch mit der Agentur für Arbeit zusammen, der Ewibo, dem Klausenhof, der Kreishandwerkerschaft Bocholt und vielen mehr – Bildungsträgern, Arbeitgebern, Beratungsstellen, andere Behörden… Welche Reaktionen der Kunden bekommen Sie auf Ihre Unterstützungsangebote?

N. Karmarieh: Im Regelfall sind die Menschen sehr dankbar. Viele erhalten in einer Maßnahme die auf sie zugeschnittene Unterstützung und bekommen beruflich und menschlich nochmal richtig Motivation, was sie zum Erfolg führt. Bei anderen löst leider schon der Gedanke an eine "Maßnahme", insbesondere wohl leider durch die oft negative Darstellung in den Medien, ungute Gefühle und teilweise auch Angst aus. Oft können die Kunden gar nicht formulieren, was genau sie an der Maßnahme stört. Sie sagen dann "Ich habe so etwas schon im Fernsehen gesehen". Natürlich können wir die Bedenken im Vorfeld nicht gänzlich auflösen. Viele, die sich aber zumindest einlassen können, geben nachher ein positives Feedback. Und wenn es gar nicht passt, bin ich als Ansprechpartnerin gefordert, eine Alternative zu finden. Aber im Kreis Borken existieren so unterschiedliche Maßnahmen, dass eigentlich für fast jeden etwas dabei ist. Besonders gut angenommen wird unser Frauencoaching. Wir hatten sogar schon Anfragen von Männern, die gern an einem Pendant für Männer teilnehmen möchten.

Was sind die Schattenseiten, die der Beruf mit sich bringt?
C. Leibnitz: Nicht immer eilt uns ein guter Ruf voraus und es gibt natürlich auch Menschen, die nicht mitarbeiten möchten. Das ist schade. Wir arbeiten nach dem Prinzip ‚Fördern und Fordern‘. Das heißt, wir zahlen natürlich nicht nur die Regelleistungen, Miete, Krankenversicherung und dergleichen, sondern wir erwarten auch – und das ist ja auch gesetzlich geregelt – eine gewisse Mitwirkung. Natürlich kann es passieren, dass einem mal ein Termin durch die Lappen geht, aber wer sich dann bei mir meldet, seine Gründe mitteilt und zum nächsten Termin zuverlässig erscheint, der hat dann auch erstmal keine Sanktion zu befürchten. Anders ist das leider bei denen, die sich hier gar nicht melden und von denen wir überhaupt nichts wissen. Wir sind auch nur Menschen. Ich persönlich freue mich über jeden netten Kontakt, denn natürlich macht es keinen großen Spaß, sich mit Kundinnen oder Kunden zu streiten.

Worauf freuen Sie sich, wenn Sie sich morgens auf dem Weg zur Arbeit machen?
N. Kamarieh: Ich freue mich auf die vielen unterschiedlichen Gespräche mit den unterschiedlichsten Menschen und auf die netten Kolleginnen und Kollegen.

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