Für eine Lebensperspektive in und nach der Prostitution

|   Kreis Borken

Zwei Mitarbeiterinnen der mobilen Beratungsstelle für Prostituierte,  TAMAR, waren jetzt im Arbeitskreis für die Gleichstellung von Frau und Mann des Kreises Borken zu Gast und gaben einen Einblick in ihre anspruchsvolle Tätigkeit. Die beiden Sozialarbeiterinnen Tanja Mesic und Katharina Steinbeck bieten Prostituierten- und Ausstiegsberatung für Frauen im Münsterland an. Gemeinsam mit zwei weiteren Fachkräften beraten und begleiten sie Frauen, die in Clubs, Bars, Kneipen, Bordellen, Wohnungen und auf Parkplätzen sexuelle Dienstleistungen anbieten. TAMAR gibt es im Münsterland seit April 2018. Trägerin ist die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen e.V.. Geleitet wird die Beratungsstelle von Pfarrerin Birgit Reiche aus Soest.

In dem Zeitraum von April bis Ende Dezember 2018 sei im Kreis Borken zu 44 Frauen in neun Betrieben Kontakt aufgenommen worden, berichteten die Referentinnen. "Unsere Arbeit hat sich inzwischen etabliert. Wir werden von den Prostituierten und den Betreibern akzeptiert", berichteten sie. Als Vertreterin des Gesundheitsamtes des Kreises Borken war auch die Sozialarbeiterin Doris Baron zu der Sitzung des Arbeitskreises gekommen, die die nach dem Prostituiertenschutzgesetz vorgeschriebene Gesundheitsberatung durchführt. Sie ergänzte den Vortrag der beiden Mitarbeiterinnen von TAMAR mit den Erfahrungen und Erkenntnissen aus ihrer Beratungstätigkeit.

Für die Beratung in abgelegenen Ortschaften verfügt TAMAR über einen Beratungsbus. "Über Ort und Zeit der Beratung entscheiden die Klientinnen", erläuterten die Sozialarbeiterinnen."Wir arbeiten mit einer akzeptierenden, wertschätzenden Haltung und orientieren uns an den Bedürfnissen und Vorstellungen der Frauen." Ziel sei es, den Prostituierten zu einem selbstbestimmten, sicheren, angstfreien sowie finanziell und emotional unabhängigen Leben zu verhelfen. So würden die Frauen unter anderem über gesetzliche Regelungen der Prostitution in Deutschland informiert und bei Behördengängen begleitet. Die Hilfestellung bei sozialrechtlichen Fragen und Steuerangelegenheiten, bei der Schuldenregulierung und bei Maßnahmen zur beruflichen Integration gehörten ebenso zum Aufgabenspektrum wie die  Vermittlung an Drogenberatungsstellen, die Unterstützung beim Ausstieg aus der Prostitution und die Entwicklung neuer Lebensperspektiven. Auch Fragen zu gynäkologischen Untersuchungen sowie zu Kranken- und Sozialversicherungen gehörten zu den vorrangigen Anliegen der Prostituierten.

"Viele dieser Frauen sind nicht ausreichend krankenversichert und über gesundheitliche Risiken nicht genügend aufgeklärt", legte Katharina Steinbeck dar. "Wir verstehen uns als Lotsinnen im Hilfesystem der Region.". Etwa 85 Prozent ihrer Klientinnen seien ausländischer Herkunft und kämen überwiegend aus osteuropäischen Ländern. Gerade diese Frauen hätten, was Behörden angehe, sehr große Berührungsängste. "In der Regel kennen sie solche Unterstützungsangebote nicht", berichtete Tanja Mesic. Deshalb müsse ihnen zunächst vermittelt werden, was TAMAR sei: Eine unabhängige, nicht kontrollierende und anonyme Institution. Nur so könne ein Vertrauensverhältnis zu den Frauen aufgebaut werden. Die Lebensverhältnisse in den Herkunftsländern seien oft prekär und der Druck, Geld für die Familie zu verdienen, sehr groß.

Viele Frauen hätten den Wunsch, ihren ständigen Wohnsitz nach Deutschland zu verlagern und ihre Kinder dauerhaft nach Deutschland zu holen. Verbunden hiermit seien zwangsläufig Fragen zur Wohnungssuche und zur Anmeldung der Kinder in Kita und Schule. Der Ausstieg aus der Prostitution sei ein langwieriger Prozess, wenngleich sich die meisten Frauen wünschten, einer anderen Tätigkeit nachgehen zu können. Hier fehle es aber häufig an der erforderlichen Schul- und Ausbildung sowie an den Sprachkenntnissen. Tanja Mesics Urteil über das Prostituiertenschutzgesetz ist eindeutig: "Frauen werden in die Illegalität gedrängt. Das Gesetz ist zwar gut gedacht, muss aber in vielerlei Hinsicht nachgebessert werden."

TAMAR Münsterland wird zunächst bis zum 15. April 2021 finanziert, und zwar durch Eigenmittel der Evangelischen Frauenhilfe, durch eine einmalige Anschubförderung der  AKTION MENSCH, durch das Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen, welches in Form von zielgruppenspezifischer Zuwendung der Aidshilfe NRW TAMAR fördert, sowie durch verschiedene Stiftungen und Spenden.

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