„Fokus auf Strom schürt Abhängigkeit“

|   Kreis Borken

Auf die zentrale Rolle der Infrastruktur für eine erfolgreiche Energiewende hat die Vorsitzende des Vorstands der Westenergie AG, Katherina Reiche, jetzt in Münster hingewiesen. Bei den Mitgliedern der Vollversammlung der IHK Nord Westfalen, mit denen sie über die erforderlichen Reaktionen auf die Gasmangellage und die Abhängigkeit von russischem Gas diskutierte, rannte sie offene Türen ein, als sie einen „planungsrechtlichen Schub“ für den Ausbau der Energienetze forderte: „Ohne bessere Infrastruktur gelingt keine stärkere Elektrifizierung der Wärme und Mobilität und auch kein Hochlauf bei grünem Wasserstoff“, den vor allem auch der industrielle Mittelstand benötige.

Die geplante Privilegierung von Anlagen für erneuerbare Energien, die aufgrund ihres überragenden öffentlichen Interesses planungsrechtlich bevorzugt werden sollen, muss nach Meinung Reiches deshalb auf die erforderliche Energieinfrastruktur ausgedehnt werden. „Solar- und Windparks nützen wenig, wenn das Netz die grüne Energie nicht aufnehmen und zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern bringen kann“, so die Vorstandsvorsitzende. Zudem dürfe nicht nur auf die Strominfrastruktur geschaut werden. „Das Stromnetz allein schafft die Transformation nicht“, erklärte Reiche. Eine Welt, in der alles mit elektrischer Energie betrieben werde, bezeichnete sie als „Trugschluss und Risiko zugleich“. Der Fokus auf Strom schüre eine Abhängigkeit von einer Energieart und einer kritischen Infrastruktur, weshalb sie – wie auch die IHK in ihren energiepolitischen Positionen – bei der Suche nach Lösungen Technologieoffenheit forderte.

IHK-Präsident Dr. Benedikt Hüffer hatte bereits zur Begrüßung der Vorstandsvorsitzenden der Westenergie AG „eine große Übereinstimmung“ mit IHK-Forderungen festgestellt, „bei dem was jetzt schnell getan werden muss, damit die aktuelle Gasmangellage überwunden und die Energiewende vorangebracht wird“. Besonderen Beifall erntete Reiche aber vor allem, als sie auf die konkreten Erfordernisse der regionalen Wirtschaft einging: „Wir brauchen die Gasnetze für die Industrie und gerade für den Mittelstand.“

Insgesamt könnten beispielsweise rund 70 Prozent der mittelständischen Industriekunden der Westenergie AG in Westdeutschland ihre Prozesse aus technischen Gründen nicht elektrifizieren. „Hier brauchen wir große Mengen grünen Wasserstoff und andere grüne Gase – und die lassen sich nun mal nicht über Stromkabel transportieren“, betonte die Vorstandsvorsitzende. Es müssten jetzt geeignete Voraussetzungen geschaffen werden, um die bestehende Gasnetzinfrastruktur auf Wasserstoff umzustellen. Denn Wasserstoff ermögliche die erforderliche Diversifizierung der Energieversorgung und die Dekarbonisierung für viele Unternehmen. „Die Klimaziele werden nur erreicht, wenn wir die Dekarbonisierung in der Breite schaffen“, so Reiche.

Angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen betonte Reiche: „Bei den Energiepreisen geht es um mehr als um Rechnungen. Hier geht es um Arbeitsplätze für Millionen Menschen und die Zukunft des Industrie-Standortes Deutschland.“ Mit Blick auf ein mögliches Erdgas-Embargo oder einen Lieferstopp riet sie den Unternehmen, alle Möglichkeiten zur Senkung des Verbrauchs von Erdgas zu prüfen. „Bestenfalls kommt es dann gar nicht erst zur Gasnotlage, indem der Verbrauch klug reduziert wird“, hofft sie.

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