„Es werden noch viele Tage der Pflege benötigt“

|   Ahaus

Am 12. Mai ist der internationale Tag der Pflege. Wir haben über diesen Aktionstag und die Pflege allgemein mit Matthias Wittland, Vorstand für das Ressort Pflege und Gesundheit beim Caritasverband Ahaus-Vreden und mit Bereichsleiter Uwe Bröcker gesprochen.

 

Herr Wittland, Herr Bröcker, was verbinden Sie, was verbindet der Caritasverband Ahaus-Vreden mit dem Tag der Pflege?

Uwe Bröcker: Ich persönlich verbinde mit diesem Tag, auf die Pflege aufmerksam zu machen. Mit Blick auf die Corona-Pandemie sind die Sorgen nicht weniger geworden, auch wenn Corona für einige schon sehr weit weg zu sein scheint.

Matthias Wittland: Es ist ein Tag, um das Thema Pflege weiter im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu halten. Es geht an diesem Tag nicht ums Klatschen, sondern darum, die Öffentlichkeit stärker auf die Rahmenbedingungen aufmerksam zu machen. Immer weniger junge Menschen entscheiden sich für einen Beruf in der Pflege, vielfach wegen der Rahmenbedingungen, die nicht mit der Bezahlung gleich zu setzen sind.

 

Am 12. Mai geht es vor allem um Aufmerksamkeit, was ist mit der Anerkennung?

Matthias Wittland: Anerkennung wird häufig gleichgesetzt mit der Bezahlung. Es wird versucht, Anerkennung über Tarifbezahlung und Pflegeprämien sicherzustellen. Die tatsächliche Anerkennung für die Pflege ist aber, dass sie die Rahmenbedingungen für ihre Arbeit selbst auch mitgestalten kann. Das ist längst noch nicht gegeben. Deshalb werden noch viele Tage der Pflege benötigt.

Uwe Bröcker: Anerkennung gibt es auch in der Pflege, aber die Frage ist doch, wie eigenverantwortlich die Pflege sein kann. Ich erinnere mich gut an meine Zeit in der Schweiz, als mir ein Arzt sagte: „Wieso soll ich Ihnen erklären, wie Pflege geht? Das ist Ihr Bereich, den haben Sie eigenverantwortlich zu gestalten.“ Wir müssen dahin kommen, dass die Pflege das Selbstbewusstsein hat, sich eigenständig um ihre Dinge zu kümmern. Es wurde schon ein guter Aufschlag damit gemacht, dass nicht mehr der Arzt, sondern die Pflege dafür zuständig ist, Pflegehilfsmittel zu organisieren. Aber es gibt noch viele weitere Beispiele, wo wir uns als Pflege emanzipieren müssen, in dem was wir tun und wie wir handeln.

Matthias Wittland: Den Pflegenden wird zwar zugestanden, fachliche Entscheidungen zu treffen, sie müssen sie aber viel zu oft mit anderen Berufsgruppen rückkoppeln.  Wenn wir über Wertschätzung reden, dann müssen wir über Wertschätzung in der Anerkennung der Professionalität reden.

Zum Tag der Pflege wird auch über Mitarbeitergewinnung und Mitarbeiterbindung gesprochen. Wie sieht es damit beim Caritasverband Ahaus-Vreden aus?

Uwe Bröcker: Bei der Mitarbeiterbindung sind wir – und davon bin ich fest überzeugt – ein verlässlicher Partner für unsere Mitarbeitenden. Wir haben ein gutes Rahmenangebot. Verbessern können wir uns sicherlich noch im Bereich der Arbeitszeitmodelle.

Matthias Wittland: Wir verfügen über eine Ausbildungskoordination und im Verband freigestellte Mitarbeitende, die sich um die Themen Personalbindung und Gesundheitsmanagement kümmern. Die Pflege ist einer der größten Leistungsbereiche im Verband und es gibt bereits vielfältige Angebote.

 

In der Hoch-Zeit der Corona-Pandemie wurde viel über Kliniken und Altenheime gesprochen, aber sehr wenig über die ambulante Pflege. Dabei werden nach Erhebungen in Deutschland mehr als zwei Drittel der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt. Spielt die ambulante Pflege in Gesellschaft und Politik nicht die Rolle, die sie spielen müsste?

Uwe Bröcker: Mehr als ein Drittel der pflegenden Angehörige fühlen sich mit der Pflege überfordert. Gerade die ambulante Pflege kann hier einen wichtigen Beitrag leisten. In den Medien wird über Krankenhäuser, Altenheime gesprochen, selten über die ambulante Pflege. Doch diese ist ein wichtiger Pfeiler in der Gesamtversorgung pflegebedürftiger Menschen. Mit der Arbeit von Menschen in der ambulanten Pflege wird dem Wunsch, so lange als möglich zu Hause zu bleiben, nachgekommen.

Matthias Wittland: Wenn die ambulante Pflege ihre Arbeit nicht so professionell gemacht hätte, dann wären die Krankenhäuser wahrscheinlich überlastet worden. Über gute Arbeit in der ambulanten Pflege kann man eine Menge Krankenhauseinweisungen verhindern oder den Einzug ins Altenheim verzögern. Die ambulante Pflege trug auch dazu bei, dass die Krankenhäuser und Altenheime arbeitsfähig geblieben sind.

 

Corona ist nicht Kurz- oder Mittelstrecke, sondern Marathon. Sind wir kurz vorm Ziel? Oder wird Corona unsere Einrichtungen und Mitarbeiter weiter begleiten?

Matthias Wittland: Wir werden akzeptieren müssen, dass Corona uns erhalten bleibt. Wir müssen überlegen, wie wir damit umgehen. Das Hauptproblem ist die Quarantäne von Beschäftigten und sind die damit verbundenen Ausfallzeiten, die andere Mitarbeiter kompensieren müssen. Corona als Erkrankung ist mit den Impfungen beherrschbarer geworden, wodurch sich auch der Umgang mit dem Virus normalisieren muss.

Uwe Bröcker: Die Menschen gehen ohne Mundschutz zu Zehntausenden in Stadien und Arenen und bei uns sind die Dienste mit FFP2-Maske zu leisten. Das steht in keinem Verhältnis.

 

Info: Zur Caritas im Bistum Münster gehören 57 Krankenhäuser, 206 stationäre Pflegeeinrichtungen, 116 ambulante Pflegedienste, 103 Tagespflegen, 11 stationäre Hospize, 30 ambulante Hospizdienste, 64 Wohnheime für Menschen mit Behinderungen, 37 Angebote des ambulant betreuten Wohnens für Menschen mit Behinderungen und 27 Pflegeschulen.

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Matthias Wittland, Vorstand für das Ressort Pflege und Gesundheit beim Caritasverband Ahaus-Vreden.
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