Erfahrungen mit der verpönten Muttersprache

|   Kreis Borken

Obwohl seit Jahrzehnten der niederdeutschen Sprache der unmittelbar bevorstehende Untergang prophezeit wird, gibt es sie immer noch. Viele Münsterländer sprechen oder verstehen die angestammte Sprache unserer Region, obwohl sie von den Schulen für Jahrzehnte heftig bekämpft wurde. Doch es ist nicht zu bestreiten: Das Plattdeutsche ist auch im Münsterland weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden, selbst auf dem Lande. Es finden sich unter jungen Leuten kaum noch aktive Sprecher. Nichtsdestotrotz gibt es weiterhin viele Menschen, die das Plattdeutsche sprechen oder zumindest verstehen können. Wie ist es dazu gekommen? Welche Erfahrungen verbinden Münsterländer ihrer alten eigenständigen Sprache? Und in welchen Nischen hat sie überlebt?

Diesen Fragen gehen der Historiker und Sprachwissenschaftler Dr. Christof Spannhoff vom Institut für vergleichende Städtegeschichte in Münster, der Historiker Dr. Helmut Lensing aus Greven und der ehemalige emsländische Schulleiter Bernd Robben nach. Sie konnten gut 90 Autorinnen und Autoren aus allen Bevölkerungsschichten gewinnen, die ihre jeweiligen persönlichen Erfahrungen mit dem Plattdeutschen zu Papier brachten. Da nicht jeder, der Plattdeutsch spricht oder versteht, auch Niederdeutsch schreiben kann, sind viele Beiträge auf Hochdeutsch verfasst, andere auf Plattdeutsch oder in beiden Sprachen. Niederdeutsch-Professoren wie Dr. Ludger Kremer aus dem Westmünsterland und Dr. Hermann Niebaum aus Osnabrück berichten über ihre berufliche Arbeit mit dieser Sprache, ebenso Dr. Markus Denkler von der Kommission für Mundart und Namenforschung Westfalens in Münster. Es fehlen ebenwenig überregional bekannten Personen aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens zu Wort. So wirken beispielsweise die Bundesministerin Anja Karliczek aus Brochterbeck mit, der Menschenrechtsaktivist Pfarrer Peter Kossen aus Lengerich, der Landwirtschaftsautor Gisbert Strotdrees aus Münster oder Unternehmer wie die Landmaschinenhersteller Bernard Krone und Klaus Dreyer (Amazone). Weitere Mitarbeiter sind etwa niederdeutsche Musiker wie aus Rheine die Band „Strauspier“. Daneben sind im neuen Buch viele vor Ort bekannte Personen vertreten, die Altenpflegerin, der Polizist, der vielgereiste Lufthansa-Pilot, der Bürgermeister oder Landrat, die Plattdeutsch-Lehrerin, der Musiker, der Schauspieler, die Bäuerin oder der Hausarzt. Aus dem Kreis Borken sind etwa aus Vreden der Autor Friedrich Volmer und die Kreisheimatpflegerin Christel Höink (Lünten) mit einem Beitrag im Buch präsent. Höink und Otto Lohle aus Gronau zeigen einen Bereich auf, in dem Plattdeutsch gegenwärtig an Boden gewinnt, nämlich bei Führungen, wobei Lohle als Tönne Speckmann für viele unerwartet auf Plattdeutsch durch das Rock- und Pop-Museum Gronau führt. Der ehemalige Landrat Gerd Wiesmann geht auf das Plattdeutsche als Gemeinsamkeit der Menschen beiderseits der Grenze ein. Heinrich Sieking aus Gescher repräsentiert eine weitere starke Nische des Plattdeutschen, das Theaterspiel. Diesem in der Region sehr starken Rückzugsort des Plattdeutschen widmen sich mehrere Beiträge, darunter auch von der ältesten Niederdeutsch-Vereinigung des Münsterlandes. Richard Schmieding führt in die wechselvolle Geschichte der Abendgesellschaft Zoologischer Garten zu Münster (AZG) ein, deren selbst geschriebenen Stücke – unter anderem von ihm – über Jahrzehnte von münsterländischen Theatergruppen nachgespielt worden sind. Und der aktuelle Vorsitzende Gerhard Schneider schildert, wie er als Flüchtling aus Sachsen plattdeutscher Theaterspieler und Professor-Landois-Darsteller geworden ist. Artikel steuern ebenfalls der ehemalige Rektor Josef Pieper aus Gronau und die Plattdeutsch-Autorin Annette Winkelhaus aus Wessum bei, die mit ungewohnten Themen die Plattdeutsch-Szene auffrischt.

Die Beiträge von zwei bis zwölf Seiten sind amüsant, lehrreich, manchmal nachdenklich, mal heiter, mal interessant. Zudem wurden sie großzügig bebildert. Dies gilt auch für den Artikel des US-Amerikaners Alan Harms aus Münster, der anschaulich darlegt, wie ein Sohn des tiefsten Mittleren Westens der USA zum Plattdeutschen fand, oder für den Artikel von Hans-Peter Boer aus Nottuln, der in niederdeutscher Sprache amüsant erzählt, wie ihm sein Plattdeutsch auf einer Pilgerfahrt nach Rom aus der Patsche half.

Auflockerung bieten eingestreute niederdeutsche Gedichte beispielsweise vom gebürtigen Gronauer Karl Sauvagerd und plattdeutsche Erzählungen. Durch QR-Codes ist es überdies möglich, etliche Autoren und Autorinnen selbst sprechen zu hören oder zu plattdeutschen Musikstücken zu gelangen.

Info:

Wat, de kann Platt? Selbstzeugnisse, Geschichten und Gedichte aus dem Münsterland und dem Osnabrücker Land. Hrsg. von Helmut Lensing, Bernd Robben u. Christof Spannhoff, Meppen 2021, 382 S., 24,90 Euro, ISBN 978-3-9821831-4-5. Bestellungen auch unter: kontakt@emslandgeschichte.de

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Das Niederdeutsche verbindet deutsche und niederländische Grenzbewohner, hier auf dem Midwinterabend in den Niederlanden. Foto: Kreisheimatpflege Borken/Kulturabteilung Kreis Borken
Kreisheimatpflegerin Christel Höink als Magd auf einer plattdeutschen Stadtführung. Foto: Stadtmarketing Vreden/Foto Gewers
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