Hilfe beim Einstieg in die Arbeitswelt

|   Ahaus

„Ich konnte damals zwei Wege gehen: Entweder den Rest meines Lebens putzen, oder mich auf meine Fähigkeiten besinnen, loslegen und mich weiterbilden.“ Damals, das war vor sieben Jahren. Als Monika (Name geändert) 2010 mit Mann und Kindern ins Münsterland kam, verstand und sprach die gebürtige Polin kein Wort Deutsch. „Das habe ich mir nach und nach selbst beigebracht und zudem Sprachkurse besucht“, erinnert sich die 36-Jährige an diese Zeit. „Meinen ersten Satz, den ich konnte, war ‚Ich esse eine Pizza‘. Das weiß ich noch genau“, grinst die quirlige Frau. Das Lächeln, das heute immer wieder auf ihrem Gesicht erstrahlt, hat sie sich mühsam erkämpft.

„Ich wollte arbeiten, nicht nur Zuhause sitzen“, unterstreicht sie ihr Bestreben. Zumal sie in Polen bereits eine Ausbildung abgeschlossen hatte. „Aber die Ausbildungsinhalte sind vollkommen unterschiedlich in Deutschland und in meinem Geburtsland. Hier habe ich davon ein wenig im Beruf der Buchhalterin, ein wenig in dem der Krankenversicherungsfachangestellten, einen anderen Teil im Beruf der Industriekauffrau wiedergefunden.“ Was sie letztlich mit ihrem Wissen anfangen sollte, konnte sie aber alleine nicht herausfinden. Mehrere Maßnahmen hat sie durchlaufen. Doch: „In allen wurden den Teilnehmerinnen und Teilnehmern fertige Konzepte serviert. Wir wurden nicht nach unseren Wünschen und Bedürfnissen, nicht nach unseren Kenntnissen gefragt, sondern sollten Praktika in den Jobs machen, wo gerade Kräfte gebraucht wurden.“

Einige Jahre gingen ins Land und Monikas Ehe in die Brüche, bis sie hartnäckig beim Jobcenter immer wieder nach Möglichkeiten fragte, endlich beruflich Fuß fassen zu können. „Und das Beste, was man mir dann antun konnte, war, mich in das EMM(A)²-Projekt zu schicken“, meint Monika rückblickend. EMM(A)² - dahinter steht der „Einstieg für Mütter mit Migrationshintergrund in Arbeit und Ausbildung“, den die Berufsbildungsstätte Westmünsterland (BBS) 2015 in Kooperation mit dem Caritasverband Ahaus-Vreden und dem Caritas-Bildungswerk in der Region an den Start gebracht hat. Zugewiesen werden die Teilnehmerinnen von den Jobcentern der Kreise Borken und Coesfeld sowie der Agentur für Arbeit.

„Hier habe ich mich dann zum ersten Mal ernst genommen und anerkannt gefühlt“, sagt Monika. Sie überlegt kurz: „Mir fällt dazu ein passender Vergleich ein: Es war so, als hätte mich mit unserer Ansprechpartnerin Kathrin Rick eine Mutter an die Hand genommen und mir in kleinen Schritten die Welt erklärt.“ Anfangs, so gibt Monika offen zu, sei sie „erst gar nicht begeistert gewesen, schon wieder in eine Maßnahme gesteckt zu werden. Ich dachte, da kommt eh nichts bei raus. Doch es war ganz anders. Es war da plötzlich jemand, der mir zugehört hat, der mich als Mensch angenommen und auch das verstanden hat, was ich nicht offen ausgesprochen habe.“ Was vielleicht klingt, wie eine kleine Dankeserklärung an ihre Mentorin, ist aber auch eng verknüpft mit Monikas eigenem starken Willen: „Gemeinsam habe ich mit Kathrin Rick und Petra Ibl von der Caritas Schritt für Schritt in meine Zukunft erarbeitet. Mit viel Geduld wurde ich dort abgeholt, wo ich stand und in die Lage versetzt, meinen Weg selbst zu gehen.“

Mit Erfolg: Monika hat eine Arbeitsstelle bei einem Unternehmen gefunden, das geschäftliche Beziehungen zu Polen pflegt. „Hier bin ich richtig, hier habe ich ein klar umschriebenes Aufgabengebiet, in dem ich mich wohl fühle“, sagt die junge Mutter zufrieden. „Ich konnte meinem Chef auch viel über die Mentalität der Polen erzählen. Er hat sich bei manchen Dingen immer über die Reaktionen der Geschäftspartner gewundert. Mit ein paar Hintergrundinformationen klappte es auf einmal viel besser.“

Inzwischen hat Monika so viel Power, dass sie berufsbegleitend eine Zusatzqualifikation als geprüfte Industriefachwirtin anstrebt. Eingeschrieben ist sie, das Aufstiegs-BAföG wurde genehmigt, die Prüfungserlaubnis erteilt. „Auch von dieser Möglichkeit habe ich früher nichts gewusst. Inzwischen bin ich fit im Nachfragen. Und so motiviert, dass ich die Welt aus den Angeln heben könnte.“

Info:

EMM(A)² ist Bestandteil des bundesweiten Programms „Stark im Beruf“ und wird gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie über die Europäische Union.

Angeboten wird einmal das mehrmonatige Projekt mit Orientierung, Praktikum, Qualifizierung und Nachbegleitung (neuer Start am 4. Oktober). Bisher konnten im Projekt 19 Teilnehmerinnen eine Arbeit aufnehmen, sieben starteten eine Qualifizierung/Umschulung. Die Vorbildung der Frauen reichte von sechs Jahren Schulbesuch bis hin zu neun Jahren Studium. Vier Schulabschlüsse wurden während des EMM(A)²-Projektes anerkannt, drei weitere Anerkennungen sind noch in Bearbeitung. Die Frauen im Alter zwischen 29 und 47 Jahren kamen aus Herkunftsländern wie Kasachstan, Russland, der Türkei, Syrien, Polen, Rumänien, der Ukraine, Jordanien, Eritrea, Angola, Marokko, der Dominikanischen Republik, Brasilien oder auch aus China und wohnen heute in Ahaus, Gronau, Schöppingen, Südlohn, Vreden, Coesfeld und Stadtlohn.

Neben dem festen Kurs gibt es noch ein offenes Beratungsangebot mit laufender, flexibler Einzelberatung. Hier können sich die Mütter mit Migrationshintergrund über berufliche (Wieder-) Einstiegsmöglichkeiten, die Anerkennung von im Ausland erworbenen Abschlüssen, die berufliche Weiterbildung und deren Finanzierung, aber auch über die Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf informieren.

Ansprechpartnerin für beide Angebote bei der BBS ist Kathrin Rick, Tel. 02561/699-448. Birgit Dingslake ist für den Caritasverband Ahaus-Vreden ab 1. September ebenfalls unter Tel. 02561/699-448 erreichbar.

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