Sven Asmuß, Redakteur der Wochenpost, hat die nächste Buchrezension für die Wochenpost verfasst.
„Will man den dicken Max machen, nach außen stark sein, dann sagt man gerne: Ich kenne keine Angst. Doch wenn es eine Sache in der Welt gibt, wenn es eine Sache in meinem Leben gibt, vor der ich immer Angst hatte, so richtig Schiss auf gut Deutsch, dann Alzheimer. Bloß nicht die Nummer. Bloß nicht dement werden im Alter, das schwirrte mir oft im Kopf rum.“
Die Enthüllung von Rudi Assauer, dass er an Alzheimer leidet, löste deutschlandweit Betroffenheit aus. Der Ex-Manager des FC Schalke 04, von seinem Kollegen Michael Meier einst als „Kaschmir-Hooligan“ tituliert, wagte den Schritt aus der Isolation und machte seine Krankheit öffentlich. Der einstige Schalke-Machtmann kommt inzwischen ziemlich zerbrechlich daher.
Parallel zur Dokumentation, die das ZDF gedreht hatte, erschienen auch seine Memoiren, die er gemeinsam mit Patrick Strasser zu Papier gebracht hat. Strasser beschreibt in seinem Vorwort, wie die Arbeit mit Assauer abgelaufen ist und dass ihn die Tatsache, dass die Erkrankung während der Zusammenarbeit immer weiter fortschritt, dazu veranlasst hat, die Biografie nicht komplett in der „Ich-Erzähler-Perspektive“ zu verfassen. Assauer geht mit seinem Co-Autor schon auf den ersten Seiten intensiv auf seine Krankheit ein, beschreibt, dass er sich in der Öffentlichkeit allein gar nicht mehr bewegen kann, dass er sich an viele Dinge gar nicht mehr oder nur bruchstückhaft erinnern kann. Assauer, der in seiner Schalke-Zeit nie um einen Spruch verlegen war (vielleicht beginnt das Buch auch deshalb mit einer Sammlung von Assauers besten Sprüchen), wirkt zurückhaltend.
Trotz fehlender Erinnerungen gelingt es Assauer, die entscheidenden Stationen seiner Karriere anhand von kleinen Besonderheiten und Anekdoten zu beschreiben. Die fußballerischen Anfänge in Herten, der anschließende Wechsel zu Borussia Dortmund, wo er 1966 gegen den FC Liverpool den Europapokal der Pokalsieger gewann, bis hin zum Karriereende bei Werder Bremen. Die Norddeutschen ermöglichten Assauer, der sich auch schon während seiner aktiven Laufbahn für das Drumherum interessiert hatte, den direkten Übergang ins Management. Bis 1981 ist er in Bremen sozusagen Mädchen für alles, springt als Aushilfstrainer ein, kümmert sich um Sponsoren und Spielerverpflichtungen. Auch ein Abstieg in der Saison 1979/1980 hindert ihn nicht an seinem ehrlichen Engagement. Es folgen der unmittelbare Wiederaufstieg und das Angebot aus Schalke. Da kann das Kind des Ruhrgebiets nicht „Nein“ sagen und wechselt zu den Königsblauen. Die Erfolgsgeschichte in Gelsenkirchen ist hinlänglich bekannt. Assauer wiedersetzt sich vielen Restriktionen, ist sich seiner Sache in allen kritischen Fällen sehr sicher und baut sich mit diversen Sachen sein eigenes Denkmal. Der Bau der Arena, die Verpflichtung von Erfolgstrainer Huub Stevens (hat das Vorwort des Buches geschrieben) und der Gewinn des UEFA-Pokals 1997 sind nur einige der Meilensteine. Auch das Leiden auf Schalke (Stichwort: Fünf-Minuten-Meisterschaft) und das für Außenstehende unrühmliche Ende bei den Knappen werden thematisiert und von Assauer aufgearbeitet.
Neben Assauer kommen auch viele Bezugspersonen aus seinem privaten Umfeld zu Wort. Seine Sekretärin Sabine Söldner, seine Schwester Karin sowie seine Tochter Bettina beschreiben, wie sich Assauer in der Zeit seit seiner Erkrankung verändert hat. Darüber hinaus setzt sich Assauer auch noch mit seinen „diversen“ Frauen auseinander. Lediglich die Trennung von seiner letzten Frau Britta, die er erst im Frühjahr 2011 geheiratet hatte, wird nur zwischen den Zeilen erwähnt.
Insgesamt bekommt man einen umfassenden Einblick in das Leben Rudi Assauers, stellenweise sogar in seine Denkweise. Wie ihm die Krankheit tatsächlich zusetzt, das bleibt dem Leser dann aber doch eher verborgen. Zu Beginn des Buches und zum Ende wird die Alzheimer-Problematik konkretisiert, im Verlauf der Geschichte verdeutlicht sich dem Leser die Krankheit nur durch die in kursiver Schrift eingefügten Passagen von Assauer. Das ist aber auch logisch, da Assauer ja zu den großen Zeiten seiner Karriere noch nicht unter der Krankheit litt.
„Wie ausgewechselt - Verblassende Erinnerungen an mein Leben“ ist im riva Verlag erschienen und kostet in der gebundenen Ausgabe 19,95 €.